Das System der Kur- und Rehabilitationsschritte in Estland
Bäder
Die Estnische Bädertradition geht zurück bis in das Jahr 1820, als die ersten Schlammbäder gegründet wurden, um den örtlichen Heilschlamm1 zu nutzen. Meist liegen die Bäder an der Küste (in Haapsalu, Viimsi, Tallinn, Pärnu, Kuressaare, Narva-Joesuu, Toila) nur zwei befinden sich im Inland (Värska und Pühajärve). Die meisten Bäder wurden während der Sowjetperiode gegründet, aber viele hat man auch während der Eigenständigkeitsperiode errichtet. Während der Sowjetperiode wurde der Betrieb von Bädern meistens von Gewerkschaften finanziert. Als Estland im Jahr 1991 wieder eigenständig wurde, zerfiel die Gewerkschaft und die zentrale Finanzierung wurde eingestellt. Da die Priorität des Ministeriums für Soziale Angelegenheiten und Volksgesundheit damals in der Erhaltung des Krankenhaussystems und des Elementaren Gesundheitsdienstes bestand, und nicht in der Rehabilitation und Prophylaxe, verkaufte der Staat die meisten Kurhäuser an Privatleute.
Im Jahr 1996 haben sich 15 Bäder zu einer Gesundheitsdienst anbietenden Estnischen Spa Union2 zusammengeschlossen, um Kurorte und Rehabilitation in Estland weiter zu entwickeln. Die Estnische Spa Union wirkt aktiv im Marketingbereich und hat ein Bäderwörterbuch herausgebracht um die Begriffe, die in Estland und Europa benutzt werden, anzugleichen. Das nächste große Projekt ist die Schaffung eines Systems zur Erstellung von Kurhotelkategorien.
Alle Bäder wurden von Grund auf renoviert und entsprechen EU-Standards. Die Heilmethoden werden ständig auf den neuesten Stand gebracht und verbessert. In allen Heilbädern arbeiten qualifizierte Ärzte und Krankenschwestern. Gleichzeitig wurde auch der Wellnessbereich erweitert, um den Gästen entspannende und Schönheitsprozeduren anbieten zu können. Die Zahl der neuen, nur auf Wellness spezialisierten Bäder, steigt, besonders in Tallinn. Die Kosten für alle Kurbehandlungen müssen vom Kurgast selbst getragen werden, denn es gibt keine Unterstützung vom Staat.
In den 1990er Jahren, als Estland eigenständig wurde, war der Lebensstandard im Land niedrig. Die Gewerkschaften zahlten nicht mehr für die Rehabilitations-Gutscheine und man hat nach zahlungskräftiger Kundschaft im Ausland Ausschau gehalten. In diesen Jahren kamen bis zu 90% der Bäderbesucher aus Finnland. Jahr für Jahr hat sich das Prozent der estnischen Bäderbesucher vergrößert und ist bis jetzt ein bisschen mehr als 30%. Neben finnischen Besuchern ist auch der Zahl der Besucher aus anderen Ländern gestiegen (meistens Schweden und Norweger) und beträgt ungefähr 10%.
Rehabilitation
In der estnischen Medizin sind die Rehabilitationsbehandlungen in zwei Bereiche geteilt: Rehabilitation und Revitalisierung. Diese werden aus verschiedenen Quellen finanziert. Von den 33% Sozialsteuer, die von Arbeitern bezahlt wird, gehen 13% an die Krankenkasse, die die Revitalisierung finanziert und 20% an die Sozialversicherung, die neben der Rentenversicherung und verschiedenen sozialen Unterstützungen auch die Rehabilitationsbehandlung finanziert.
Die Rehabilitation ist eine Sozialdienstleistung für Behinderte, um ihr selbstständiges Klarkommen und ihre Arbeitsfähigkeit zu verbessern. Diese Dienstleistung ist nur für Menschen, die einen Invaliditätsgrad haben, zugänglich. Eine Bescheinigung kann man beim Sozialversicherungsamt beantragen und im Rahmen dieses Prozesses wird auch ein Rehabilitationsplan für den Patienten zusammengestellt. Die Erarbeitung eines Rehabilitationsplanes entsteht in Zusammenarbeit von Rehabilitationsarzt, Physiotherapeut, Psychologe, Ergotherapeut, Logopäde, Sozialarbeiter und Patienten. Mit der Verordnung Nr. 52 der Regierung der Estnischen Republik vom 17.03.2005 ist dargelegt, in welchem Umfang Physiotherapie-Behandlungen innerhalb eines Kalenderjahres angeboten werde. Allgemein werden 10 Stunden für Erwachsene und 20 Stunden für Kinder innerhalb eines Jahres gewährt. Im Rahmen des Rehabilitationsprogramms wird auch Wohnraum angeboten (für eine ziemlich geringe Summe) und die Fahrkosten zur Behandlungseinrichtung werden erstattet. Das Sozialversicherungsamt hat mit 61 Einrichtungen aus ganz Estland, die ein Rehabilitationsprogramm3 anbieten dürfen, einen Vertrag abgeschlossen. Es sind hauptsächlich größere Krankenhäuser, aber auch verschiedene Patientenvereinigungen und Schulen für behinderte Kinder. Auf diese Liste steht nur ein Heilbad – das Sanatorium von Värska. Der Patient hat das Recht zu wählen, wo er sein Rehabilitationsprogramm absolvieren will und vereinbart den Termin selbst. Oft sind die Wartezeiten auf einen freien Platz lang, für Rentner sogar mehrere Jahre. Kinder müssen meistens nicht warten.
Die Revitalisierung ist für die Verbesserung und Stabilisierung des Gesundheitszustands für Patienten ohne Invalidenbescheinigung, aber auch für diejenigen, die einen haben, wichtig. Sie wird, der gültigen Preisliste entsprechend, von der Krankenkasse4 finanziert. Das Recht, eine Revitalisierung zu anordnen, hat nur ein Revitalisierungsarzt und die Prozeduren werden von einem Physiotherapeuten ausgeführt. Estland ist in vier Krankenkassengebiete geteilt und jede regionale Krankenkasse hat nach ihren regionalen Möglichkeiten Verträge abgeschlossen, um diese Dienstleistung zubieten zu können. Im Krankenhausbereich wird sie teilweise mit Arbeitsstätten die Rehabilitation anbieten, verknüpft, denn größere Krankenhäuser die eine Revitalisierungsabteilung haben, bieten stationäre und ambulante Revitalisierung und Rehabilitation an. Außer mit den Krankenhäusern hat die Krankenkasse auch Verträge mit einigen Sanatorien und Heilbäder abgeschlossen, um ambulante Revitalisierung anbieten zu können. In diesem Fall zahlt die Krankenkasse für die Behandlung und nicht der Patient. Gegenwärtig gibt es vier solcher Heilbäder in Estland. Ein Problem sind sie strengen Auflagen, die von der Krankenkasse an den Vertragspartnern gestellt werden, ständige Berichte, die jährliche strenge Kontrolle und der relativ geringe Lohn für diese Dienstleistung.
Zugleich ist der Anspruch auf Revitalisierung oft höher, als die Möglichkeiten, sie anzubieten. Während der staatlichen Revision im Jahr 2006 ist klar geworden, dass sich der Zugang zu Revitalisierungsbehandlungen in den einzelnen Gebieten stark unterscheidet. Die Bewohner größerer Städte erhalten 70% mehr ambulante Revitalisierung, während von den Einwohnern auf dem Lande und von Menschen, die Revitalisierung brauchen, nur 19% dieses Behandlung erhalten haben. Bisher war es im Interesse des Staates, nur die Revitalisierungsabteilungen bei den Krankenhäusern, zu fördern. Genau hier hat die Estnische Spa Union die Gelegenheit, die Zusammenarbeit mit der Krankenkasse auszuweiten, um die Revitalisierungserfahrungen der Heilbäder besser zu nutzen.
Links
1 www.haapsalu.ee/index.php?lk=257&show=349
2 www.estonianspas.eu
3 www.sm.ee
4 www.haigekassa.ee



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